Fahrrad
28. November, 13:39 Uhr
Hallo liebe Leute,
ich bin langsam ein wenig ratlos und würde mich freuen mit euch mal drüber zu reden. Ich hoffe es gibt hier jemand, der diese Erfahrung gemacht hat und Tipps hat.
Ich bin 32 Jahre alt und kann seit über einem halben Jahr nicht mehr belastbar Rad fahren, und ich weiß langsam nicht mehr genau wie ich das einzuordnen habe.
Alles an Tipps und Einschätzungen sind willkommen.
**TL;DR**
im April trotz bisschen Schmerz im Knie zwei Tage weiter gefahren, seitdem ist Knie im Arsch, nicht sicher ob sich Spritze lohnt, generell verunsichert und ka was tun.
**Wie kams?**
Ich war Anfang April in in Marseille auf einem geliehenen Rad und Klickpedalen knapp drei Tage durch die Calanques fahren. Ich hatte ab Tag zwei Schmerzen im Knie, die langsam größer wurden. Am dritten Tag war es schon nicht gut, wurde dann auch immer schlimmer, aber ich musste halt heim kommen, und dachte "so schlimm sind die nicht, ich habe ja ein paar Tage Zeit für Heilung wenn ich morgen heim fahre".
Tag darauf, bei Abreise konnte ich kaum noch laufen, und das wurde auch nur bedingt besser über die nächsten Wochen. Ich hatte sowas noch nie, alles andere war immer innerhalb von drei bis vier Tagen wieder gut. Ich hatte null Ahnung wie ich diese Situation einzuschätzen hatte, sie wirkte nicht schlimmer als alle anderen, harmlosen Schmerzen der letzten Jahre.
Da ich eigentlich den ganzen Winter auf ein Radrennen für den ersten Mai trainiert hatte, und mir extra ganz viel Neues dafür gekauft hatte, bin ich das Rennen mit leichten Schmerzen doch gefahren. Eigentlich wollte ich kurze Route fahren, aber habe die Ausfahrten verpasst, also wurden es die 100km.
Tag darauf ging gar nichts mehr.
**Erste Ärzte**
Ich ging also zum Hausarzt, dann zum Radiologen, dann zum Orthopäden.
Radiologiebericht war für mich absolut nicht zu lesen oder einzuschätzen, also auf zum Orthopäden. Er so:
"Hmm ja hmm, aufm MRT sieht man Schleimbeutel ist geschwollen, Knorpel bisschen abgenutzt, aber das okay für Ihr Alter, sonst sieht alles ganz gut aus, in drei Wochen ist wieder gut"
Ich war vier Wochen später auf einem Konzert, und nur das bisschen "tanzen" hat sofort dazu geführt, dass ich tagelang Schmerzen hatte. Drei Wochen später wäre ich zwei Wochen mit dem MTB in Italien gewesen, und da so einfach sofort wieder Schmerzen da waren, konnte ich das nicht so laufen lassen.
**Also nächster Orthopäde.**
Der hat weder
- Radiologiebericht
- noch Bilder vom MRT
- noch Bilder vom Rönten
angeschaut.
Der hat einfach nur seine Finger iwo vorne ins Knie gedrückt, gesagt "bitte spannen Sie mal Oberschenklmuskel an", und ich habe direkt Schmerz gespürt.
Diagnose war dann Folgendes:
- Hat nichts mit Schleimbeutel zu tun
- Abnutzung durch Überbelastung im Knie
- Grund: Oberschenkelmuskel *Innen* verkümmert, weil während Corona kein anderer Sport als Radfahren mehr gemacht wurde, und somit die Kniescheibe nicht mehr richtig lief, und gegen den Knorpel gearbeitet hat. Kennt er wohl von seinem Sohn, meinte es sei ganz normal bei Radfahrenden.
**Was also soll ich tun?**
- Drei Monate kein Radfahren, dann langsam wieder anfangen.
- Dehnen bringt nichts, nur Oberschenkelmuskulatur im Innenbereich aufbauen. Ich solle ins Fitti, oder einfach nach Übungen googeln
- Plus: Bandage tragen, welche die Kniescheibe stabilisiert
Das Ganze ist jetzt fast sechs Monate her.
*Um fair zu sein*, ich habe nach knapp drei Monaten eher sporadischem Fitnessstudio-Aufbautraining mit der Maschine aufgegeben, weil ich mich doch so unwohl gefühlt habe und es mir einfach nicht leisten konnte. Nachfrage beim Orthopäden dass ich viele verschiedene Übungen finde, und ob er mir n Link schicken könnte, welche er empfiehlt kam nichts.
**Fahrradfahren in der Zwischenzeit**
*E: for clarity, weil der Erzählsprung wohl impliziert, ich hätte ewig nichts gemacht und dann mit 150km und 25686hm gleich direkt wieder angefangen. Das habe ich nicht.*
Ich hatte gehofft, Ende Juli (also 3 Monate nach letzter Belastung) ist es wieder gut. Also habe ich zwei Urlaube mit dem Gravel geplant, nachdem ich MTB Urlaub in Italien absagen musste.
Ich ca. drei Wochen vor dem Trip nach Basel schon relativ schmerzfrei im normalen Leben gewesen, und habe zwei Wochen vorher mit ganz kleinen Steigerungen auf dem Rad angefangen. Erst 500m, dann 1 km, dann 3, dann 5, dann einmal mdrza (15km) und mit dem Zug zurück und drei vier Tage gewartet um zu schauen was sich entwickelt etc. An diesem Punkt war kein Schmerz mehr so, dass es nachhaltig schlimmer wurde. Ich konnte steigern.
Also habe ich den Trip mit einer Freundin nach Basel angetreten. Bei Schmerzen hätte ich ja direkt abbrechen können, der ICE fährt mich direkt heim, egal ob es Basel, Freiburg, Karlsruhe, Oldenburg oder was auch immer ist.
- ca. 80km am Tag
- weniger als 100hm pro Tag
- wenig Gepäck, kaum Belastung, größtenteils nur mit linkem/gesunden Knie belastet.
Ich musste nicht abbrechen.
Man hat am Tag darauf was gespürt, aber es war nicht mehr so distinkt, dass man klar sagen konnte hier ist was. Die Schmerzmuster haben sich immer wieder verändert, und auf andere Teile des Körpers ausgeweitet, es war auch nicht mehr klar, was ist Knie Schmerz, was ist Sehnen schmerz durch steigerung, was ist muskelschmerz durch Schwund etc.
Wirklich weh taten aber Hintern und Achillis-Sehnen auf beiden Seiten. Ich war einfach nicht sicher ob das Knie wirklich okay war, oder einfach überschattet. Sehnen und Hintern haben dann ne Woche gedauert, Knie war wie vorher. Nicht schlecht aber auch nicht komplett gut.
Ab September bin ich wieder mit dem Rad zur Arbeit gefahren, das 9€ Ticket war inzwischen nicht mehr gültig, und ich muss iwie ins Büro.
Das ging, aber jedes Mal wenn ich:
- entweder bisschen belastet habe,
- oder die Bandage nicht getragen habe,
- oder den Sattel nicht komplett am oberen Anschlag gefahren bin
hatte ich wieder zwei Tage lang bisschen mehr Schmerzen. Es war also noch nicht vorbei. Habe weiterhin nur das mindeste und einfachste mit dem Rad gemacht.
**Jetzt stand der Toskana-Bikepacking-Urlaub an.** Ich wollte nicht den zweiten Urlaub ebenfalls stornieren. Also bin ich los. Auch hier, kann ja immer abbrechen wenn es sich schlecht entwickelt, die Bahn in Italien ist gut.
Bisschen Zug hier und da, bisschen in Rom hin und zurück, und iwann ging es mit dem Rad los nach Florenz.
- 6 Tage
- 400km
- 5000hm
- Mittelgute Wegbeschaffenheit
Ich bin ohne große Abnutzung durch gekommen, alles verlief soweit gut und hat Spaß gemacht. Aber auch nur, weil ich mind. 70-80% aus dem linken Bein raus getreten habe. Am zweiten Tag, bei unterspülten Feldwegen, 100km, 1800hm, und das mit Gepäck, war ich ziemlich durch. Das linke Knie hat aber bis heute ohne große Einschränkungen durchgehalten. Das rechte auch, aber ich vermute weil ich es kaum belastet habe.
Nach jedem Berg, wo ich bisschen gleichwertig beide Knie belastet habe, hat man am nächsten Tag was gespürt, und oft auch schon direkt danach. Es war schön und alles, aber du bist halt nie unbeschwert und spürst immer in dich rein und hast immer Angst. Und der Schmerz kommt immer zurück. Inzwischen gar nicht mehr schlimm, aber wahrscheinlich auch weil ich so ängstlich bin, so verunsichert und mich absolut nicht mehr traue zu belasten.
Ich bin dann die Strecke von Florenz nach Bologna nicht mehr mit dem Rad, sondern mit dem Zug gefahren. Die sah auf der Karte nochmal schwerer aus, und ich glaube ich hätte da mein Knie echt vernichtet hätte. Das war das letzte Mal dass ich "zum Spaß" Radgefahren bin.
**Corona**
Ich habe dann in Bologna Erkältungssymptome bekommen, Test gemacht, und meine erste Corona-Infektion war da. Zum Glück nach dem Radfahren. Blessing in Disguise.
Als ich dann daheim war konnte ich deswegen endlich wieder "guten" Gewissens Sport zusammen mit anderen Menschen machen. Ich habe also Corona den Oktober noch verheilen lassen, und seit November gehe ich in diverse Kurse wie Bauch Beine Po Oberkörper, Bodystyling, Wakeup-Fittness etc. Ich habe gemerkt, dass bei meinem Körper nichts mehr da war, außer Muskeln fürs Rad fahren. Keine Bauchmuskeln, keine Dehnung und Flexibilität, nichts. Ich hoffe sehr, dass mir das jetzt hilft die notwendige Balance der Muskeln aufzubauen. Ich habe da meistens einen Tag danach wieder bisschen Schmerzen für ein zwei Tage, aber ich kann einfach nicht mehr komplett auf alles verzichten, und ich hoffe einfach, das ist der richtige Weg.
Da es allerdings auch im November immer noch schmerzt, war ich auf ANraten meiner neuen Hausärztin beim **dritten Orthopäden.**
Der hat (unironisch) wundervoll Zeile für Zeile mir den Radiologiebericht erklärt, allerdings sonst nicht viel gesagt. Nur dass meine Knorpel abgenutzt sind, und das die Schmerzen sind die ich spüre.
Auf die Frage "wann ist es wieder gut, wo kommt es her, was soll ich tun?" antwortete her nur:
- Ich weiß es nicht
- Ich weiß es nicht
Was ich tun soll:
- Bandage weiter tragen
- Kissen zwischen Knien einklemmen einmal am Tag
und
- Hyleronsäure (oder so) via Spritze für 385€ kaufen und ins Knie spritzen lassen
Und hier stehe ich jetzt.
Es ist bald Weihnachten, ich traue mich nicht mehr zum Spaß Fahrrad zu fahren, und ich weiß nicht mehr wie ich weiter gehen sollte.
Das Knie spüre ich immer noch wenn ich beim Sport war, oder zur Arbeit gefahren bin. Wirklich besser geworden ist es schon länger nicht mehr.
Ich gehe jetzt drei bis vier mal die Woche zum Nicht-Fahrrad-Sport um Muskeln wieder in Balance zu kriegen. Ich fahre nur ganz entspannt mit dem Rad zur Arbeit und in die Stadt, fahre absolut gar kein Rad mehr zum Spaß. Ich habe am 23.12 nochmal einen Termin beim Orthopäde Nummer 2, der einzige der gewirkt hat als wüsste er was es ist und wo es her kommt. Was dabei rauskommt? Soll ich wieder nach irgendwas googeln? Ich weiß es nicht.
Ich habe so viele Ärztinnen und Ärzte gefragt, Radsportler und Radladenbesitzer gefragt, niemand (Außer Ortho 2) hat je davon gehört und alle wundern sich über alles meiner Schilderungen.
Deswegen meine Fragen:
- Hat jemand von euch schon mal von sowas gehört?
- Was würdet ihr jetzt tun?
Ihr könnt gerne meandern, philosophieren, spekulieren, tippen. Ich bin über alles froh.
In Traurigkeit Grüße, vielen Dank fürs Lesen.